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»Herr Kommissar, wollen Sie nicht allmählich nach Hause gehen?«, fragte Ursula Meinelt, die Stenotypistin, und legte Leo Wechsler einige Blätter auf den Schreibtisch. »Ihre Kinder warten sicher schon.«
Leo blickte kurz von seinen Akten hoch, ein wenig misstrauisch, als wollte er prüfen, ob Fräulein Meinelt nicht einfach Lust auf Feierabend hatte.
»Schauen Sie mich nicht an wie ein Polizist«, sagte sie forsch.
»Ich bin Polizist«, entgegnete Leo trocken. »Sie erinnern mich jeden Tag daran. Und wenn man einen Mitarbeiter wie von Malchow hat, kann man die Arbeit gleich allein machen.«
Sie hob beschwichtigend die Hand. »Ich weiß, aber ... wenn Sie ehrlich sind, ist es auch nicht leicht, mit Ihnen auszukommen.«
Er sah sie überrascht an. »Wieso? Sie kommen doch auch mit mir aus.«
»Darüber wundere ich mich jeden Tag.«
»So frech heute?«, fragte er grinsend. »Wissen Sie, warum ich mit Ihnen auskomme?«
»Weil ich nicht der Sohn eines pommerschen Gutsbesitzers bin, der nur aus Spaß zur Polizei gegangen ist und eigentlich sein Leben mit Forellenfischen auf dem elterlichen Anwesen zubringen könnte«, lautete die schlagfertige Antwort.
»Genau«, sagte Leo Wechsler. »Mit Ihrer Beobachtungsgabe sollten Sie Detektivin werden.«
»Um in Warenhäusern Frauen aufzulauern, die drei Schichten Unterwäsche tragen? Nein danke, da sitze ich lieber vor meiner Schreibmaschine und tippe Ihre Berichte«, sagte sie lächelnd und griff in ihre Rocktasche. »Nehmen Sie die mit, wenn Sie nach Hause gehen.« Sie hielt ihm zwei Zuckerstangen hin.
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder und steckte die Süßigkeiten ein. Beinahe hätte er gesagt, die kann ich selber kaufen. Verdammt, warum glaubte er ständig, dass alle ihn mitleidig anschauten und sich nur für die Tatsache interessierten, dass Kommissar Wechsler verwitweter Vater von zwei Kindern war?
Energisch schlug er den Aktenordner zu und schob ihn zur äußersten Ecke des Schreibtischs. »Sie haben Recht, ich mache Schluss für heute. Und danke für die Zuckerstangen. Wer weiß, wie viel die demnächst kosten.« Er zog sein Portemonnaie heraus. »Sehen Sie sich das mal an. Geht kaum noch zu bei den vielen Scheinen. Letztens habe ich gesehen, wie bei Wertheim jemand mit einem Zehntausendmarkschein bezahlt hat.«
Ursula Meinelt betrachtete die Geldscheine in Leos Hand und schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, wohin das noch führen soll. Wie kommt es, dass unser Geld immer weniger wert ist?«
»Weil man im Krieg so viel davon gedruckt hat, als wäre es Spielgeld«, antwortete Leo und hängte sich den leichten Sommermantel über den Arm. »Und jetzt sitzen wir in der Achterbahn und wissen nicht, wohin sie fährt. Schönen Abend noch.«
Mit diesen Worten verließ er das Büro.
Als er draußen auf dem Alexanderplatz vor dem Präsidium stand, das im Polizeijargon gern »Fabrik« genannt wurde, atmete er erst einmal auf. Es war halb sieben und taghell, der längste Tag des Jahres nicht mehr fern. Er beschloss, ein Stück Unter den Linden entlangzugehen, bevor er die Elektrische nach Moabit nahm.
Menschen in sommerlicher Kleidung schlenderten über den Boulevard. Von einem Zeitungskiosk sprang ihn das Wort »Blausäure« an. Leo blieb kurz stehen und las die ersten Zeilen.
»Am gestrigen Pfingstsonntag verübten bisher Unbekannte ein Blausäure-Attentat auf den Politiker Philipp Scheidemann (SPD). Er soll dem Vernehmen nach schwere Verletzungen erlitten haben.«
Leo Wechsler schüttelte den Kopf. Manchmal kam es ihm vor, als wäre die Welt verrückt geworden. Als hätte sie acht Jahre zuvor den Verstand verloren und ihn nie wiedergefunden. Zuerst der lange Krieg, dann Revolution und Straßenkämpfe, Hunger, Unsicherheit und ... Er zuckte zusammen, als ihn die Erinnerung an Dorotheas Tod überfiel. Sie war im Januar 1919 gestorben, die Spanische Grippe war schon beinahe abgeflaut. Als hätte die tückische Krankheit gewartet, bis Marie geboren war, und Dorothea dann umso heftiger gepackt.
Zuweilen ertappte er sich dabei, dass er etwas zu ihr sagen oder sie berühren wollte und erst dann merkte, dass sie nicht mehr da war. Vielleicht hatte er sich zu wenig Zeit gelassen nach ihrem Tod, alles möglichst schnell vergessen wollen. Andererseits erinnerten ihn seine Kinder jeden Tag an Dorothea, und er genoss immer wieder die mit Schmerz vermischte Freude, die sie ihm bereiteten. Wenn Marie eine kluge Frage stellte oder Georg eine gute Note mit nach Hause brachte, dachte Leo, dass er Dorotheas letzte Bitte, gut für die Kinder zu sorgen, wohl doch erfüllt hatte.
Er klopfte auf die Zuckerstangen in seiner Manteltasche, blieb einen Augenblick stehen und schaute nach oben in die grünen Baumwipfel der Mittelpromenade. Eigentlich war es kein Abend zum Nachhausegehen. Solche Abende sollte man lieber in einem Schankgarten verbringen, natürlich nicht allein, ein bisschen tanzen, sich den Kopf verdrehen lassen. Einfach drauflosleben. Das hatte er schon lange nicht mehr getan.
Leo schüttelte den Kopf, wie um sich aus seinen Träumereien zu reißen, und ging zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.
Die Frau schlenderte im Schatten der Häuser entlang. Ihr Gang verriet noch Spuren von Koketterie, die Figur war ganz passabel, doch ihr Gesicht konnte keinen Freier täuschen. Sie wirkte verbraucht und alt, zu alt für ein Gewerbe, in dem Gesicht und Körper nicht unbedingt schön, zumindest aber jung zu sein hatten. Ihre Zeit war lange vorbei.
Was sie verdiente, reichte kaum zum Leben. Wehmütig dachte sie an die plüschigen Bordelle, in denen sie früher die Männer empfangen hatte. Dann waren die billigen Absteigen gekommen, zuletzt die Straßen und Hauseinfahrten hier im ehemaligen Scheunenviertel. Der Name passte nicht mehr, nachdem man viele alte Gebäude abgerissen hatte, doch Mauern und Pflaster verströmten noch immer den Geruch von Verfall und Verbrechen. In einer Großstadt, die so viele junge Mädchen anzog, die oft keinen Beruf hatten und irgendwie überleben mussten, war sie als Hure von fünfzig Jahren überflüssig wie ein Kropf.
Nur dann und wann traf sie auf Männer, die noch Interesse an ihrem Körper hatten. Wohl kaum aus Mitleid, eher vielleicht aus dem Drang, sie zu demütigen, zu sehen, wie weit sie sie im Preis drücken konnten.
Sie hatte gemerkt, dass es kaum eine Grenze nach unten gab. Und nur wenig, was sie nicht für ein bisschen Geld getan hätte.
Sie wusste nicht, wovon sie am Ersten die Miete bezahlen und woher sie am Abend eine Suppe nehmen sollte. Sie achtete nicht auf die zusammengesackten Gestalten in den dunklen Hauseingängen, die Urinpfützen, die Kaschemmen, in denen kriminelles Gesindel den nächsten Beutezug plante.
Sie sah ihn erst, als er sie überholte und vor ihr stehen blieb.
»Ja?«
»Sind Sie ... ich würde gern ...« Er druckste herum, schien sich in seiner Haut überhaupt nicht wohl zu fühlen, schaute nach links und rechts, ob ihn auch niemand beobachtete. Die Frau ergriff die Gelegenheit, doch noch zu ihrer Suppe zu kommen.
»Sie wollen ein bisschen Unterhaltung?«
Der Mann nickte.
Also war ihr Umherstreifen doch nicht vergebens gewesen. Rasch führte sie ihn durch ein Gewirr enger Gassen, durch Torbögen und über mit Gerümpel vollgestopfte Hinterhöfe, bis sie an der Rückwand eines Hauses stehen blieb. Daran klebte wie ein Geschwür ein kleiner gemauerter Verschlag.
»Hier?«
Sie nickte und trat vor ihm ein. Der Raum roch muffig, das einzige Fenster war so schmutzig, dass selbst bei Tage kaum Licht hereingedrungen wäre.
Die Frau zündete eine Gaslampe an, stellte sie auf den Tisch und wandte sich um. Sie legte ihm eine Hand an die Wange.
Das Licht schien auf das Gesicht unter der Hutkrempe. Überrascht trat sie einen Schritt zurück.
»Ich kenn Sie doch -«
»Tatsächlich?«
»Ja, ich hab ein Gedächtnis für Gesichter. Sie waren jünger, stimmt's? Damals war ich noch nicht auf der Straße. Muss lange her sein.«
Der Mann schaute angestrengt auf seine Finger, die in eleganten Handschuhen steckten. »Ich bin nicht hier, um Konversation zu machen.«
»Natürlich, ist auch nicht weiter wichtig.«
»So würde ich es nicht betrachten. Ich denke noch oft an den Besuch bei dir.«
Sie achtete nicht auf den seltsamen Ton in seiner Stimme. Streifte die Schuhe ab, wollte mit beinahe anrührender Laszivität die Strümpfe herunterrollen. Ein Schatten fiel über ihre Schulter. Plötzlich wurde es kalt im Raum. Dann zog sich der Schal um ihren Hals zusammen.
Er streifte die leichten cognacfarbenen Wildlederhandschuhe mit den kleinen Knöpfen ab und legte sie in den Kleiderschrank. Viola würde erst morgen von ihrer Reise zurückkehren, da konnte er eine Nacht und einen Morgen das Gefühl unbedeckter Hände genießen. Gut, dass die Handschuhe unversehrt geblieben waren. Zu dumm, wenn er diese erlesenen Exemplare hätte ersetzen müssen.
Es war nicht ganz einfach gewesen, sie zu finden. Aber als er sie dann endlich stellte, hatte er förmlich in ihrer Überraschung geschwelgt. Er hatte sie in dem Glauben gelassen, er wolle ihre Dienste in Anspruch nehmen, und war ihr in das schäbige Zimmerchen gefolgt. Dabei hatte er unwillkürlich an das üppige Boudoir ihrer ersten Begegnung denken müssen. Doch mittlerweile war sie so alt, dass sie für jeden Freier, der sich zu ihr verirrte, dankbar sein musste.
Über der Stuhllehne hing ein billiger kunstseidener Schal, er musste das Tuch in seiner Tasche gar nicht benutzen. Als sie sich abwandte, um sich auszuziehen, hatte er ihr den bunten Stoff um den Hals geschlungen und festgezogen, bis sie ganz ruhig wurde.